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Achtung: Nur Dichtung, null Wahrheit

Die folgende erfundene Reportage soll zeigen, wie Täuschung funktioniert, angelehnt an den Fall des Spiegel-Reporters Claas Relotius.  Eine schöne Geschichte, in der alles wortreich, elegant und detailverliebt beschrieben ist und alle Fakten und Zitate stimmig sind. Unglaubliche Zufälle, seltene Momente, fantastische Personen. Alle Elemente, die Leser so gern mögen. Eine solche Geschichte muss einfach wahr sein. Doch sie ist ganz schnell mit professioneller Phantasie nur am Schreibtisch gestrickt. Und wenn der angebliche Autor auch noch ein knallharter Reporter ist – na, perfekt.


erfunden von Michael Schmuck, 6. Februar 2019

Die Toten in Bananenkisten 

Am sonnigen Nachmittag des 5. Februar sterben in einer kleinen Plantagen-Stadt in Ecuador 132 Menschen bei einer Explosion – und die bunte Stadt ergraut

Im Café Tonteriá am Markt des idyllischen Bilderbuch-Städtchens Santa Mentira am Rande Ecuadors sieht alles so aus, als sei gestern nichts Schreckliches geschehen. Blickt man auf die alten braunen, kalbsledernen Ohren­sessel in den Ecken neben den beiden Kaminen und auf die schwarzen Stühle an den weißen, von Ellbogen abgewetzten Pinien­holz­tischen, denkt man unwill­kürlich an die Zeit, als hier noch die Kolonial­herren gemütlich saßen und teure Zigarren bei einem Glas Viniototo rauchten. Der beruhigende Qualm und der Duft des früheren ecuadorianischen National­getränks scheinen noch immer im sonnen­licht­getränkten Raum zu schweben. Bis gestern konnten sich hier die Planatagen­arbeiter nach zwölf Stunden Pflücken und Schleppen bei einem Caffe­loto erholen, dem tief­schwarzen Sud aus den grob gemahlen Tiento-Bohnen.

Doch heute, am Mittwoch, dem 6. Februar 2019, ist nichts mehr gemütlich und erholsam in Santa Mentira; und das Café Tonteriá ist menschenleer. Statt dickem Qualm wird feiner Ruß von dem mächtigen, bronzefarbenen Decken­ventilator durch den Raum gequirlt und an den Stuck gedrückt. Der Qualm, der liegt nun grau und schwer draußen über den hand­gehauen Pflaster­­steinen zwischen den bunten, meist blau-roten Holzhütten, vor denen gestern noch fröhliche Kinder in noch bunteren Hemden herumgetobt sind. Hier, wo gestern bis 15.34 Uhr mittel­amerika­nischer Zeit, schwarz­haarige Frauen mit orangen Tonkrügen auf dem Kopf und kräftige, stiernackige Männer mit Bananenstauden auf den Schultern die Straßen durchzogen, ist nun alles anders. 

Im selben Moment, als der Tanklaster, voll­geladen mit Dieselkraftstoff für den kleinen Transport­­flug­platz etwa eine halbe Stunde hinter der Stadt, mitten auf dem Marktplatz von Santa Mentira explodierte, in tausende tödliche Metallfetzen zerbarst und mächtige Flammenfäuste und Druckwellen die Kinder gegen die sonnen­gegerbten Holzwände ihrer Elternhäuser schleuderten, in der Sekunde, in die Frauen und Männer wie leere Papiertüten durch die heiße Luft gewirbelt und von den Metall­fetzen durch­bohrt wurden, erstarrte die kleine bunte, lebendige Provinz­stadt am südwest­lichen Rande Ecuadors zu einer totgrauen Stadt. 

„Unsere Enkel werden noch weinen"

34 tote Kinder, 47 tote Frauen und 51 tote Männer – Söhne, Töchter, Mütter und Väter von Santa Mentira. 132 Menschen starben sofort oder innerhalb von zehn Minuten nach dem Knall, einem Donner der noch jahr­zehnte­­lang in den Straßen der Bananen­stadt nach­hallen wird. „Unsere Enkel werden noch weinen.“, sagt Pedro Miguel Gonzales, ein 61jähriger Bananenpflücker, ein Platanossi, dessen Groß­vater Rodriguez im Befreiungs­krieg gegen die Spanier ver­sehentlich von einem Quer­schläger eines eigenen Kameraden mitten ins Herz ge­troffen wurde. 

Ja, Rodriguez’ Ururenkel werden noch weinen. Denn mehr als zehn Prozent der Mentiranas, wie man die Ein­wohner Santa Mentiras nennt, sind am Dienstag, dem 5. Februar 2019 um 15.34 Uhr am Markt­platz Opfer eines winzigen Kurzschlusses in der Brems­anlage eines silbernen, 37 Jahre alten MAN-Büssing-Sattel­schleppers Typ P 52 geworden, eines deutschen Tankwagens. 1291 Einwohner waren es vor dem großen Knall. Die meisten von ihnen arbeiteten in den 500 Hektar Bananen­plantagen rings um die kleine Stadt. 10.000 Tonnen werden hier jährlich geerntet, 15 Prozent bio; die meisten gehen nach Deutschland.

Perdo Miguel Gonzales war gerade im Café Tonteriá und trank seinen Caffeloto, als der bestialische Donner die braunen kalbsledernen Ohrensessel und die schwarzen Holzstühle vibrieren ließ. „Ich dachte, die Erde zerspringt. El Nino ist wieder da.“ Pedro Miguel hat drei Neffen verloren: Raphael (14), Roberto (15) und Juliano (17), die sich wie jeden Mittwoch­­mittag mit ihren Freunden am Markt getroffen haben. „Es waren brave Jungen, fast noch Kinder“. Pedro Miguels dunkle Stimme bricht, die zerfurchten Lippen zittern, der 61jährige kann die Tränen nicht mehr zurückhalten.

Die Diesel-Explosion hat Raphael, Roberto, Juliano und anderen die 129 lebensfrohen Menschen an Holzwänden zerquetscht, in der Luft verbrannt, durchlöchert und auf den Pflaster­steinen zer­schmettert, die ihre Vorfahren in Sklavenarbeit für die Kolonialherren schlagen mussten, im 50 Kilo­meter entfernten Steinbruch von Cantera Pedrera.  

Keine Verletzten, nur Tote

Das Unbegreifliche, das niemand je verstehen wird: Verletzte gab es keine. Nicht einen. Nur Tote. Es ist wohl einer der größten Zufälle oder aber die uner­messliche, tragische Willkür dieser Katastrophe: Alle Opfer waren in der tödlichen Nähe des MAN-Büssing P 52, beim Marktplatz, in dessen Mitte eine fast 30 Meter hohe Säule in den meeres­blauen Himmel ragt, ein Denkmal zur Erinnerung an die Befreiung von der kolonialen Knecht­schaft. Alle anderen Mentiranas waren weit genug entfernt, um allenfalls noch von der Druck­welle gestupst zu werden, oder sie waren im Haus und mussten aus den Fenstern das blitz­artige Martyrium ihrer Freunde und Verwandten ansehen.

Nun liegen 132 zerquetschte, verbrannte und zerfetzte Leiber in einer der 36 großen Kühlhallen für Banananen, die die unbefestigte Straße von der Stadt zum Flugplatz säumen. Noch bis zum Abend haben die überlebenden Mentiranas ihre Verwandten auf den Holzpritschen der klapprigen Bananenlaster dorthin gebracht, auf Anweisung der letzten fünf Stadtpolizisten. Zehn ihrer Kollegen waren eben­falls Opfer des MAN P 52 geworden. Vier taten bei dem großen Knall Dienst am Markt, sechs waren privat dort, zum Boule neben dem Café. 

Die 132 Leichen liegen nun in den zwei Meter langen und ein Meter breiten Holz-Kisten, mit denen sonst die Bananen zum Fluplatz und dann mit den Transportmaschinen direkt weiter nach Europa gebracht werden, meist nach Frankfurt am Main. In den Kisten werden sie bis morgen ruhen, in 12 Reihen zu 11 Kisten aufgereiht. In vier der Reihen liegen nur Kinder und Jugendliche, auch Raphael, Roberto und Juliano.

Morgen soll die schnell gebildete Sonder­kommission aus Gerichtsmedizinern, Ingenieuren und Kriminal­beamten der Hauptstadt Quito auf dem Flug­platz ankommen, um alles genau zu untersuchen: Die Toten und die Reste des MAN Büssing P 52. Am Sonntag wird in der Kirche Santa Maria Ricciona ein Trauer­gottesdienst statt­finden. Die Kirche ist am Markt gegenüber dem Café Tonteria. Dazwischen steht noch das schwarze Gerippe des Tanklasters aus Deutsch­land.

Die Kirche wird nicht alle Trauernden fassen könnne, ebsowenig wie der Friedhof Santa Leone de Marginale am Stadtrand die Toten, um die getrauert wird. Auch die Ecuadors Präsidentin Lenin Moreno hat angekündigt zum Gottesdienst zu kommen.

Ramona kam zu spät, ihre Freundin war schon tot

Eine grauhaarige Frau um die 50 betet schon jetzt vor der Kirche. Sie kniet auf einer der fünf breiten, hellgrauen Stufen vor der kollossalen braunen Kolonialzeit-Pforte und dankt Gott, dass sie ihre Tocher Ramona lebend wiedergefunden hat, die zum Markplatz wollte, um ihre Freundin Larosa zu treffen. Wie alle Mentiranas suchte die Frau aufgeregt nach ihren Angehörigen. Ihre Tochter Ramona kam zu spät los zu ihrer Verabredung; eine Nachbarin wollte unbedingt noch Tomaten von ihr borgen und ver­wickelte sie in ein Gespräch über einen Musiker, der in der Nach­barwohnung immer zu laut Gitarre spielte. So war Ramona erst um 15.45 Uhr am Markt. Da war ihre Freundin Larosa schon tot.

Vor dem Café Tonteria steht Enrico Artisto, einer der beiden Taxifahrer in Santa Mentira. Er hat gestern seine Mutter verloren: „Sie wollte nur hier neben dem Café zur Reinigung, ihr Kleid für die Hochzeit ihrer Nichte ab­holen, meiner Cousine Maria. Ich verstehe das nicht. Dieser Flugplatz. Der Flugplatz hat uns nur Unglück gebracht. Ich war immer dagegen. Ohne Flugplatz brauchten wir auch die Tankwagen hier nicht.“ Die Tankwagen ver­sorgen die Notstromaggregate mit Diesel. Im Sommer bricht die normale Stromversorgung oft zusammen und da geht es nicht ohne die Aggregate, erfahre ich von der Flughafenverwaltung. Der Flugplatz wurde gebaut, um die Bananen schneller ab­transpor­tieren zu können. 

Für mich war der kleine Flugplatz die große Rettung. Ohne ihn wäre ich gar nicht hier und vermutlich nicht einmal mehr am Leben. Meiner gemieteten Cessna 172, mit der ich 150 Kilometer entfernt über dem Urwald kreiste, um für eine Reportage fürs TIME-Magazine ecuadorianische Drogenlabors ausfindig zu machen, platzte die Treibstoffleitung und ich musste notlanden; der nächste Flugplatz war der von Santa Mentira. Ich flog die Maschine die letzten 50 Kilometer ohne Treibstoff, etwa ab dem Steinbruch von Cantera Pedrera. Die heiße Luft über dem Regenwald gab mir Auftrieb und ich konnte die Cessna 172 gestern, Dienstag, um 15.19 Uhr, 15 Minuten vor dem großen Knall am Markt, auf dem Bananen-Flugplatz landen. 

Nur durch diesen Zufall erlebte ich die Minuten und Stunden nach dem Knall vor Ort. Der Taxifahrer Enrico Artisto hatte mich in seinem alten Wartburg 353, einem Geschenk seiner Tante aus Dresden, vom Flugplatz entlang der Kühlhallen zur Stadt und dann zur Unglückstelle gefahren. Im Café Tonteria schlug ich sofort mein Lager auf, um als gestrandeter, zufällig einziger Reporter vor Ort haut­nah die Szenerie und die Gefühle der Menschen zu dokumen­tieren.

Auch die Bürgermeisterin starb

Die Explosion hat auch die Bürgermeisterin Therasa Hofer getötet. Die 47jährige ist einzige Frau in einem solchen Amt in ganz Ecuador. Sie hatte deutsche Vor­fahren. Einer davon, ihr Urgroß­onkel, Sebastian Hofer aus Neu-Ulm, arbeitete sogar bei MAN Büssing. Theresa Hofer war auf dem Weg zum Café Tonteria, um sich mit dem Provinz-Gouverneur Lorenzo Gustavo zu treffen. Sie wollte mit ihm über Zuschüsse für ein stabileres Stromnetz in Santa Mentira sprechen. Der Gouverneur, die Präsidentin Lenin Moreno und sie haben an der Universidad Central del Ecuador in Quito studiert.

Theresa Hofer wäre wohl vor dem Knall sicher im Inneren des Cafés gewesen, wenn sie nicht so stark hinken würde. Mit sieben Jahren, am 5. Februar 1979, an einem regnerischen Montag, wurde ihr linkes Bein von einer herab­fallenen Bananenstaude zer­quetscht. Theresa wartete an der Ecke der Via Rosa, wo jetzt die Kühlhallen stehen, auf den Schulbus, als die Staude von der regennassen Pritsche eines Bananen­lasters rutschte. Auf den Tag genau vierzig Jahre später, an einem sonnigen Dienstag, wird ihr daszum tödlichen Ver­hängnis. 

Man kann die vielen Schicksale der anderen Toten jetzt noch nicht alle darstellen und auf­listen. Viel­leicht, wenn die Trauer zwischen den bunten Häusern vom Alltag der Plantagenarbeit vertrieben wurde. Daran werde ich arbeiten, um den Knall für die Menschen begreifbar zu machen. Notfalls werde ich es mit Spenden ermöglichen. 

Theresa Hofers Motto war: „Mit Optimismus nach vorn schauen!“ Wenn Santa Mentira dieses Motto nun nach und nach beherzigt, kann die Bananenstadt es schaffen, die unendliche Trauer zu überwinden. Dann wird sich im Café Tonteria am Markt der schwere Deckenventilator wieder über lebensfrohen Mentiranas drehen und den Duft der Caffelotos verquirlen.

  

Zum Autor: Truebertus Albern, 33, lernte das Reporterhandwerk bereits nach seinem Abitur mit 17 Jahren bei der „Arizona Republic“ in Phoenix, Arizona. Als Austauschstudent der Deutschen Studien­stiftung sollte er in Phoenix amerikanische Literatur studieren, doch entschied sich dann für die Reporter­arbeit. Er ist als Sohn einer spanischen Mutter und eines englischen Vaters trilingual in Berlin aufge­wachsen. Schon in der Grundschule schrieb er für die Schülerzeitung und als Teenager für die „Kreuzberger Chronik“. Schon dort wurden mehrere Reportagen mit Preisen ausgezeichnet.

Truebertus Albern war fünf Jahre bei der Luft­waffe, zuletzt als Kampfpilot. Sein Buch „Mein Überflug“ wurde mit dem deutschen Ernst-Udet-Preis aus­gezeichnet. Mit 27 Jahren begann er für inter­nationale Magazine gefährliche Auslands­reportagen zu recherchieren und zu schreiben. Als er in Santa Mentira notlandete, recherchierte er gerade die Geschäfte des ecuadorianischen Drogenkartells „Los Angelitos“.

 

Nichts Neues!

Alles beim Alten: gefälschte Reportagen, erfundene Geschichten, gebastelte Wahrheiten. Nichts ist neu an Texten á la Claas Relotius?Absolut nichts! Wie fette Pickel werden sie immer mal wieder vereinzelt auf­tauchen und aufbrechen. 

von Michael Schmuck,  25. Januar 2019

Jeder Journalist und jede Journalistin müsste in der Ausbildung (falls es eine gab) gelernt haben, dass Egon Erwin Kisch (falls sie ihn kennen) nicht immer die Wahrheit reportiert und sogar Geschichten erfunden hat. Dieser Tradition verpflichtet verbreiteten und verbreiten an Journalisten­schulen so manche promi­nente Reporterinnen und Reporter hoch­angesehender Zeitung, Zeitschriften und Magazine, dass es durchaus zulässig ist, hier und da ein wenig an der Wahrheit zu feilen, um die Geschichte für Leserinnen und Leser schöner, runder und spannender zu machen. Nach dem hocharroganten und selbstverliebten Motto: „Ich sage dir, was wahr ist.“ Dichten für die Wahr­heit! 

Doch wie weit darf feilen und dichten denn gehen? Leserinnen und Leser wollen und sollen wissen, wie es wirklich war, nicht, wie sich das ein phanatie­volles Reporterhirn vorstellt. Kleine Unschärfen ergeben sich oft genug schon unbewusst; dann darf das nicht auch noch bewusst geschehen. Doch über bewusste Modifi­kationen wird in einigen Reporterkreisen viel debat­tiert: Darf „eine Nacht auf der Davidswache“ in Wahrheit auch eine ganze Woche gedauert haben, ohne das den Lesern irgend­wie mitzuteilen? Darf eine Reporterin die Leser glauben machen, sie sei selbst vor Ort gewesen, obwohl der packend geschilderte Ein­druck in Wahrheit von einem Dritten stammt? Darf ich Wesentliches völlig weglassen, wenn es meine schöne Geschichte stört?

 Ehrlicher Literat statt schwindelnder Reporter 

Ja, Reportagen müssen unter­halten, sollen bunt und frisch sein. Darum wird Gefälschtes und Er­fundenes in Reportagen vielleicht nicht ganz so dramatisch gesehen wie in Nach­richten und Sachtexten, wo Faktentreue oberstes Gebot ist. Womöglich verlieren manche Reporter und Reporterinnen darum den Blick für die Fakten oder glauben, sie dürften eher mal schwindeln als die aus ihrer Sicht blassen Nach­richten­redakteure oder staubigen Sachtext­schreiber.

Doch wer gut recherchieren und schreiben kann, hat diese Zauberkunststücke gar nicht nötig. Ein guter Reporter kann aus fast allem eine wahre und gute Geschichte machen. Schar­la­tane unter den Reportern sollten besser Literaten werden und schöne Romane oder wunderbare Drehbücher schreiben, statt ihre Münch­hausengeschichten in der Presse zu verbreiten und sie damit zur Lügen­presse zu machen. Einige haben diesen Schritt zur Literatur mit großem Erfolg gemacht und fantastische Beststeller ge­schrieben. 

Schon in guten alten Schinken steht es drin

Das alles ist nichts Neues. Vielleicht sollte man mal wieder in alten, gut ab­gehangenen Schinken stöbern: zum Beispiel in Wolf Schneiders „Unsere tägliche Des­information“, Herbert Riehl-Heyses „Bestellte Wahr­heiten“ und Wolf von Lojewskis „Der schöne Schein der Wahrheit“. Dort und an vielen anderen Stellen stand und steht zur Schar­latanerie im Journalismus alles schon drin. 

Auch das sind olle Kamellen: Tom Kummer hat wunderschöne Interviews er­funden, Michael Born bestellte Filme grandios ge­fälscht,der Fotograf Eugeniu Salabasevein welt­bewegendes Foto eines nackten Waisenjungen in Bukarest wohl einfach nur ge­stellt, Nannen-Preisträger René Pfister war nicht im Keller bei See­hofers Modell­eisen­bahn und Heribert Prantl nicht in Voßkuhles Küche. Das waren kleine oder große Skandale in der Branche. Schon vergessen? Dann etwas Jüngeres: Im November 2018 war ein Interview mit Ennio Morricone im Playboy zum Teil erfunden.

Die Kunstfigur – wie man das halt so macht

Glauben Sie das oder nicht: Nicht wenige Reporter haben in der Kneipe beim fünften Bier stolz geprahlt oder scham­haft gestanden, dass dies und das in ihrer (viel­leicht sogar preis­gekrönten) Reportage frei erfunden war. Etwa so: „Der Typ war allein nicht interessant genug, da habe ich eben eine Kunst­figur geformt. Wie man das halt so macht.“ Vom Ideenklau und Abschreiben wollen wir lieber gar nicht reden. Aber wer will den lieben Kollegen oder die nette Kollegin schon verpetzen und sich womöglich zum Spiel­verderber machen? 

Bei dem klassischen Einstieg in der Auslands­reportage „Im Café am Markt von Taka Tuka ist heute alles so, als sei gestern nichts Schreckliches passiert …“ existiert manchmal in Wahrheit kein Markt oder kein Café oder beides nicht. Manchmal nicht einmal Taka Tuka. Und wirk­lich Schreckliches ist vielleicht gar nicht passiert. Aber wer will das schon lesen? 

Mittendrin im Hotelzimmer

Wie oft schmeißt sich ein Auslandsreporter beim überschäumenden Storytelling – bildlich gesprochen – wuchtig gegen eine brennende Tür (die allerings ohnehin offen war), rennt mitten durchs Kreuz­feuer­gefecht oder kniet neben einem röchelnden Sterbenden – und alles vom Hotelzimmer­fenster aus. („Wie man das halt so macht.“) Ein Schlag ins Gesicht und in den Unterleib zugleich für die vielen ehrlichen Reporter und Re­porter­innen, die das tat­sächlich erlebt haben und wahrhaft berichten können. 

Doch nicht immer sind die Autorinnen und Autoren selbst die Lügenbolde: Oft genug erkennen sie ihren Text nach dem Re­daktions­durchlauf kaum noch wieder. Ihr Einwand „Aber so stimmt das nicht.“ wird abge­bügelt mit „Aber so will der Leser das haben!“ Das bringt Auf­lage oder Klicks. Und mit diesen frisierten Geschichten haben Redaktionen Erfolg – wenn’s keiner merkt. Wenn doch, steht ja der Name des Reporters drunter.

Wegweiser ins Märchenland

Und es gibt auch die Mischung („Halb zog sie ihn, halb sank er hin“), vor allem bei freien Autoren und Autorinnen. Die Chefredaktion weist vorab den Weg ins Märchenland: „Also, wenn die Ge­schichte soundso ist und dies und jenes enthält und jemand so etwas sagt, dann wird es der Aufmacher und du kriegst weitere Auf­träge.“ Ist die Geschichte nicht so märchenhaft, gibt es vielleicht nur ein Ausfallhonorar und keinen Auftrag mehr. Das kann zu verständlich zwanghaftem Verhalten führen. Hinzu kommt: Wenn Honorare deutlich unter die Mindest­lohngrenze gleiten, Spesen gestrichen werden, Zeit­druck herrscht – wie soll irgendwer noch gründlich recherchierte, fundierte und authentische Geschichten liefern? Google-Earth, Wikipedia und Stock-Fotos ersetzen leider nicht den Rechercheur und die Foto­grafin vor Ort.

Gute Ausbildung verhindert Märchen

Wie soll all dem nun (aufs Neue) ein Riegel vorgeschoben werden? Sehr einfach, auch nichts Neues: Eingesparte oder eingedampfte Dokumentationsabteilungen und Schluss­redaktionen wieder instal­lieren oder neu beleben und den noch lebenden klar machen, dass prinzpiell alles und jedes sorgsam geprüft werden muss, egal wer es schreibt. Sehr oft ist aber schon der Gesamt­eindruck eines Textes für erfahrene Leserinnen und Leser irgendwie unplausibel oder zu schön, um wahr zu sein – um es etwas lapidar auszudrücken. Es „riecht“ komisch. Das ist dann oft ein Indiz dafür, tiefer zu bohren.

Außerdem: In der Journalisten­­ausbildung dem Nachwuchs tief ein­impfen, dass Wahrheit vor Dichtung geht. Und überhaupt wieder gute und handfeste Aus­bildung machen. Fundiert recherchieren und sauber Geschichten erzählen gehört zur Grund­ausstattung (auch nichts Neues) und darf nicht nur speziellen Seminaren wie „Factchecking“ und „Story­telling“ vorbehalten sein oder überwiegend in speziellen Redaktionen praktiziert werden. Sonst sind Fake-News-Wellen in der Presse nicht zu verhindern.

Heutzutage ist es via Inter­net in aller Regel einfach, Sachverhalte zumindest grob auf Plausibilät zu überprüfen und Experten­wissen zu erfragen. Das be­hindert schon die Ver­suche, maß­los zu übertreiben, zu fälschen, zu er­finden und ab­zuschreiben. Und nach und nach werden es die Mär­chen­­erzähler hoffentlich von selbst lassen.

Pickel drücken und wachsam sein

Modifizieren, schwindeln, erfinden – alles nichts Neues. Auch dieser Beitrag sagt dazu nichts Neues: Das alles ist ein offenes Geheimnis. Hundertfach in vielen Varianten habe ich das als Journalist und Jurist er­fahren oder mit­erlebt – in rund dreißig Jahren. Er­fundende Interviews und Personen, bezahlte Zitate, Unwahrheiten, Halbwahrheiten, nie stattgefundene Umfragen, ge­fälschte Filme, falsche und gestellte Fotos, krass abwegige Eindrücke, von Redaktionen geschriebene Leserbriefe, von Chefredaktionen verfälschte Reportagen, preisgekrönte Lügen. Was gibt’s also Neues? Nichts. Alles beim Alten. Die vereinzelten fetten Pickel drücken und wachen, wann mal wieder irgendwo ein neuer kommt. Eiterblasen sieht man eigentlich ganz gut, wenn sonst alles glatt und sauber ist. Und wo man sie nicht sieht, kann man sie spüren. •

 

 

Fake-News und Getwitter-Wolken: Wir brauchen keinen Antipropaganda-Minister

Nachrichten richtig einzuordnen und vernünftig zu bewerten, Des­information aufzuklären und Unfug richtig­zustellen - das ist die ureigene Aufgabe der Presse. Brauchen wir auch eine Behörde gegen solche FakeAlien, wie sie, jedenfalls nach einem "Spiegel"-Bericht, der Innen­mimister einrichten will? Oder genügt die Facebook-Selbstreinigung mit Hilfe des Berliner Redaktionsbüros Correctiv? Eine Betrachtung und Einordnung von kress.de-Autor Michael Schmuck.

von Michael Schmuck, 16. Januar 2017

So funktioniert Propaganda seit Hunderten von Jahren: Schlüsselwörter penetrant wiederholen und damit in die Köpfe pressen. Ganz gleich, ob richtig oder falsch, Fakt oder Fake. Menschen glauben das, was sie glauben sollen und wollen. Wenn das Medium dann auch noch ein soziales Netzwerk ist und die Propagandisten und ihre Opfer Mitglieder derselben Community sind oder ...

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Brexitus liked - Daumen hoch gegen Europa: Sind die Briten Opfer der Facebook-Twitter-Demokratie?

Google.uk statt Encyclopædia Britannica. Algorithmus statt nachschlagen. Roboter­gesteuerte Manipulation statt persönliche Meinungsbildung? England hat nach online-Manier schnell mal eben den Daumen hochgestreckt, ohne die tief­greifenden Folgen zu bedenken. Das Nach-Denken kommt nun Nachher. Und der High Court hilft dabei. Geschieht in den USA nun ähnliches? Eine sarkastisch-satirische Be­trachtung von kress.de-Autor Michael Schmuck.

von Michael Schmuck, 8. November 2016

Schnell! Schnell mal etwas bestellen, schnell mal etwas nachschauen. Schnell mal seine Meinung sagen zu einem Thema und einem Text, den ein anderer mal ganz schnell und oft ganz kurz verfasst hat. Und ganz schnell mal abstimmen über etwas, von dem man eigentlich so schnell keine Ahnung hat. Alles schnell. Schwupps ein Klick, schwupps ein Like oder Emoji. Zwischen zwei Einkäufen abstimmen oder zwischen zwei Abstim­mungen einkaufen. Oft kurz vor dem Einschlafen oder kurz vor dem Aufstehen. Im Halbschlaf. Oder auf dem Klo, im Bus, in der Kassenschlange oder sonstwo, wo üblicherweise kein Entscheidungs-Raum ist, sondern ein ...

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Jauch-Hochzeit war öffentlichkeitsrelevant: BUNTE durfte Brautbild im Jahr 2006 drucken

Nach zehn Jahren ist der Weg durch die Gerichte nun am Ende. Auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hält ein Foto der schönen Braut und den freundlichen Bericht dazu für zulässig - für die "Bunte" eine Bestätigung, dass sie korrekt gearbeitet hat. Wieder mal eine Entscheidung auf einer Gratwanderung im Hochnebel des Presse­rechts, meint der Berliner Presseanwalt und Journalist Michael Schmuck.

von Michael Schmuck, 1. Juli 2016

Es war ein großes und schönes Spektakel: die Hochzeitsfeier von Günther Jauch und Thea Sihler-Jauch im Jahre 2006 im Potsdamer Lustschloss Belvedere. Sie blieb für alle rund 180 Beteiligten und Gäste wohl ein  ...

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 „Zweifellos schmähend und ehrverletztend"

Erklärung des Landgerichts Hamburg zum Fall Böhmermann.

Das Landgericht Hamburg hat die einst­weilige Verfügung gegen Böhmermann mit Entscheidungs­gründen nun auch an die Presse verschickt. Das Schmähgedicht ist Kunst und Satire, die grund­sätzlich er­laubt ist, und von Erdogan hinge­nommen werden muss. Aber große Teile sind - über die Grenzen des guten Geschmacks hinaus -"zweifels­ohne schmähend und ehrverletzend". Der Beschluss bezieht eine klare Position für die Meinungsfreiheit, meint der Berliner Presseanwalt und Journalist Michael Schmuck

von Michael Schmuck, 16. Juni 2016

Das Gericht hat alle Teile des Gedichts, die unter die Gürtellinie gehen, verboten. Dazu gehören vor allem die Ziegenfickerei und der ...

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Vorsicht, böse Satire: Mit Recht zum miesen Image?

Böhmermann hat seine Schlagzeilen vorerst hinter sich und schwappt selbst noch ein wenig mit "Sprechdurchfall" ("Tages­spie­gel") gegen Merkel nach. Erdogan ist gerade in der ersten Instanz damit ge­scheitert, Döpfner den Mund zu ver­bieten. Und vor kurzem hat das Bundesverfassungsgericht noch in Sachen Kachelmann entschieden. Immer wieder streiten Prominente medienwirksam. Ob und wem das nutzt oder schadet, das hat unsere Autorin einmal satirisch böse betrachtet – und will inkognito bleiben.

von unserer Gast-Autorin, der Satirikerin Truebertus Albern

13. Juni 2016

Ein kurzer Prolog: Alles, was Sie jetzt lesen, ist anonym und allgemein. Es geht hier nicht um bestimmte Personen. Es geht um Fälle, in denen Anwältinnen und Anwälte das Image ihrer Mandanten mit dem Recht ramponieren. Mit der geballten Rechts­kraft ihrer Advokatur schlagen sie Dellen in deren schöne Politur. Persön­lich soll hier niemand ange­griffen werden. Es geht ums Prinzip, um die Kultur der Rechts­pflege und die "ars vivendi" des Presse­rechts, nicht um das rein Juristische, sondern um PR-Wirkung. Die Beispiels­fälle sind typische Fälle, fiktiv gezeich­net und satirisch zu­sam­men­gebaut, um das Problem ganz all­gemein dar­zustellen. Und gegen Satire wird ja wohl keiner ...

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Böhmermann zerstückelt 

Landgericht Hamburg pickt verbotene Stücke aus dem Schmähgedicht heraus

Gestern fiel die erste presserechtliche Eil-Entscheidung in Sachen Schmähgedicht. Die Hamburger Pressekammer verbietet Teile als beleidigend und erlaubt andere als satirisch. (Az.: 324 O 255/16) Das Ding mit der Ziege gehört zu den ver­botenen Teilen, Kritik an Erdogans Politik zu den erlaubten. Eine weise Entscheidung aus dem Abendland, so der Berliner Jurist und Journalist Michael Schmuck:

von Michael Schmuck, 18. Mai 2016

Berlin - Fehlerhaft „seziert“ habe die Hamburger Presse­kammer das Gedicht seines Mandanten, sagte Böhmer­manns Medienanwalt Prof. Dr. Christian Schertz gestern. Das Gedicht müsse, da Gesamtkunstwerk, als Einheit gesehen werden und könne nicht stück­weise verboten werden. Wenn man das als Motto „Alles oder Nichts“ verstehen soll, dann hatte Böhmermann eher noch Glück, dass das ...

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Recht beliebig

Zehn Gründe, warum das Medienrecht immer verworrener wird: schlichtweg beliebig

Ist "Ziegenficker" nun erlaubte Satire oder verbotene Beleidigung? Müssen auch Jan Böhmermanns Gewährsleute und Unterstützer deswegen vor Gericht? Darf Kachelmanns Ex-Geliebte weiter behaupten, er sei es doch gewesen? Das sind alles aktuell schwierige Grenzfälle und Gratwanderungen des Medien­rechts. Für Gerichte wird es immer verworrener, meint der Berliner Presse­anwalt und Journalist Michael Schmuck:

von Michael Schmuck, 12. Mai 2016

Es wird immer komplexer, nebulöser und kniffliger: Presse- und Medienrecht zer­franst. Blogs, Facebook und Smartphones zerfetzen es. Gleichzeitig wird immer mehr gestritten in dem Gestrüpp von unter­schied­lichen Urteilen und Bewer­tungen diverser Gerichte. Was ist noch erlaubt und was schon verboten? Was dürfen Journalisten angstfrei publi­zieren? Kaum einer weiß es heute noch so recht und kann es mit gutem Gewissen vorhersagen oder gar ent­scheiden. Der Rechts­fall wird immer mehr zum Zufall.

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Der Ruf des Bosporus

Auf diplomatischem Parkett: § 103 reloaded – wenn scheintote Paragrafen zum Leben erweckt werden

Nun haucht die Bundesregierung einer scheintoten Vorschrift neues Leben ein und lässt das Strafverfahren gegen Jan Böhmermann zu. Graue aber nicht immer schlaue Eminenzen haben entschieden. Nach der Wiederbelebung soll Paragraf 103 zu Grabe getragen werden. Eine Einordnung des Berliner Juristen und Journalisten Michael Schmuck.


von Michael Schmuck, 16. April 2016

ZDF-Mitarbeiter protestieren, Künstler solidarisieren sich, der Verlegerverband bezieht Stellung; die Community bloggt, twittert, whatsappt und liket für die Freiheit des Denkens und der Rede. Merkel mutiert nach und nach, trotz wenigem eigenen Zutun (oder gerade darum), zur Symbolfigur der Unterdrückung künstlerischen Freidenkertums. Merkel als Philipp II in Schillers "Don Carlos". Und eine anarchistische Community von ...

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Ein zweischneidiger Krummsäbel

Springer-Chef Mathias Döpfner: Anzeige wegen Persönlichkeitsverletzung und Beleidigung droht

Keine gute Nachricht kurz vor der Aktionärsversammlung von Axel Springer am Mittwochmorgen in Berlin. Weil sich Mathias Döpfner Jan Böhmermanns Worte "zu eigen" gemacht hat, droht ihm eine Anzeige wegen Persönlichkeitsverletzung und Beleidigung. "Lasst es nicht zum Äußersten kommen", appelliert der Berliner Jurist und Journalist Michael Schmuck in einem Einwurf für kress.de:

von Michael Schmuck, 13. April 2016

Jede Grenzüberschreitung, das lehrt die Geschichte, kann zu überzogenen, drastischen Reaktionen führen. Kleine Scharmützel, mittlere Schlachten bis hin zu großen Kriegen können von einem einzigen unvorsichtigen Schritt über eine Demarkationslinie ausgelöst werden. Ganz gleich, ob das staatliche Grenzen, Grenzen der Meinungsfreiheit oder Grenzen des Humors sind. Jan Böhmermann hat mit seiner "Schmähkritik" gleich alle drei Grenzen verletzt, als er seine Ziegenzeilen in Richtung Erdogan ...

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Der Böhmermann-Skandal, „FAZ" und „Bild" 

Die Geschmacksfreiheit, etwas mies zu finden

Jan Böhmermanns Schmähkritik auf den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan spaltet auch die bürgerlichen Medien. Michael Hanfeld lobt die Entscheidung des ZDF, die Passage nicht mehr zu zeigen, Julian Reichelt fordert maximale Freiheit für Jan Böhmermann. Wer hat Recht? Der Berliner Jurist und Journalist Michael Schmuck hat sich das Stück einmal näher für kress.de angeschaut.

von Michael Schmuck, 6. April 2016

Tja, was hat Jan Böhmermann da angestellt mit seinem Kunststück "Schmähkritik"? Eins vor allem - er polarisiert.

Wie immer bei Satire stellen sich drei Fragen: Was ist Satire, was soll Satire, was darf Satire? Ein uralter ...

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Interview mit Michael Reis in den Potsdamer Neusten Nachrichten 

„Offenbar sollte die Neugier der Leser befriedigt werden"

1. April 2016

Herr Reis, in den Medien sind nun teils sehr brutale Details aus der Anklageschrift gegen Silvio S. aufgetaucht. Dürfen Informationen aus der Anklageschrift überhaupt verwendet werden?

Das kann vor allem dann rechtlich problematisch sein, wenn die Anklageschrift in der Gerichtsverhandlung noch nicht verlesen wurde. Wird eine Anklageschrift in wesentlichen Teilen wörtlich wiedergegeben, bevor sie in ...

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www.pnn.de/potsdam/1064288/


Glosse

Wider jeden gesunden Menschenverstand

von Michael Schmuck, 29. März 2016 

Familiärer Sparschwein-Streit vor dem OLG

Es gibt diese absurden Urteile. Entschei­dungen, die ein normaler, ver­ständiger, vernünftiger, weltkluger und meinetwegen auch billig und gerecht denkender Mensch nicht verstehen kann. Er kann sie nur, er muss sie als paradox und welt­fremd ein­stufen. Manche Ent­scheidungen sind sogar gefährlich, lebensgefährlich, zusammen­lebensgefährlich.  ...

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www.famrb.de/blog/2016/03/29/glosse-wider-jeden-gesunden-menschenverstand/


Pressekodex

Hilfestellung bitte abschaffen?  

von Michael Schmuck, 18. März 2016

Man mag das kaum glauben: Nach den Silvester-Ereignissen in Köln verlangen manche Journalistinnen und Journalisten ernsthaft, dass die Richtlinie 12.1 des Pressekodex abgeschafft werden soll. Darin steht, die Presse möge sich bei Berichten über Straftaten darüber Gedanken machen soll, ob es notwendig oder wichtig ist, dass Verdächtige oder Täter einer bestimmten religiösen, ethnischen oder sonstigen Minderheit angehören. Der Presse­kodex empfiehlt, den Sachbezug zu prüfen.  

Prüfen soll die Reporterin also zum Beispiel, ob es irgend etwas mit der Religion, der ethnischen Herkunft oder ähnlichem zu tun hat, wenn auf einer Hochzeit ein Hochzeits­gast einen anderen erschießt. Diese Frage muss die Reporterin sich zunächst selbst und dann ihren Leserinnen und Lesern mit Ja oder Nein beantworten und die Antwort begründen, wenn auch nur zwischen den Zeilen. Bei der betreffenden Hochzeit haben manche mit Ja und andere mit Nein geantwortet. Aber sie haben sich hoffentlich vorher die Frage gestellt und abgewägt. Darum geht es.  

Was soll daran abzuschaffen sein? Diese Richtlinie, ich wiederhole: RICHTLINIE, soll der Presse helfen, sich – in erfahrungsgemäß typisch schwierigen Situation – richtig zu verhalten. Wir befinden uns nicht im Straf­recht, das etwas verbieten und bestrafen soll, sondern in einem Leitfaden, einer Gebrauchs­anweisung, die ich nutzen sollte. Und darum sind auch die meisten Richtlininen, wie auch 12.1, so abstrakt und offen formuliert, dass die konkrete Ent­scheidung dem Journa­listen oder der Journa­listin überlassen bleibt.  

„Richtlinien für die publizistische Arbeit nach den Empfehlungen des Deutschen Presse­rates“ heißt der Pressekodex in Langform. Die Empfehlungen, beruhen auf jahrzehntelanger Erfahrung, sind für die Presse gemacht, nicht gegen sie. Dass Journalisten gut­gemeinte Hilfe­stellungen aus der eigenen Zunft als Hürden, Maulkorb oder Knebel empfinden, scheint deren perönliches Problem zu sein. Wer über seine Arbeit vielleicht nicht gern nachdenkt, nicht reflektiert, der mag keine Empfehlungen und keine Gebrauchs­anweisungen.  

Dass manche Richtlinie zu modernisieren ist, anzupassen an die sich rasch ent­wickelnde und verän­dernde Medienwelt und Gesellschaft, das ist eine andere Frage. Bei Richtlinie 12.1 kann man ja vorsichtig fragen, warum es nur um Minderheiten geht und nicht um alle religiösen und ethnischen Gruppen, oder wo eine Minderheit anfängt. Aber prinzipiell macht der Presse­rat das ja: moderni­sieren. Es gibt wohl vergleichsweise wenige Gremien, die so nah am Puls der Zeit sind, wie der Presse­rat.  

Köln war eine besonders schwierige Aus­nahme­­situa­tion bei der Berichterstattung. Hier gab es viel abzuwägen und viele Fragen, die sehr schnell mit Ja oder Nein beantworten werden mussten. Und vielleicht wurden einige im Rückblick falsch beantwortet. (Und damit das besser wird, äußert sich der Presserat dazu.) Aber darum muss nicht gleich die Richtlinie 12.1 ab­geschafft werden. Niemand schafft Rezepte ab, weil ihm mal etwas an­brennt.  
  

Richtlinie 12.1 – Berichterstattung über Straftaten
  

In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht.

Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.

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